Was passiert im Fall eines Euro-Crashs?

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Damit sollten sich die Bürger ernsthaft auseinandersetzen. Was passiert in der Realität, wenn der Euro zusammenbricht? Zunächst einmal gibt es kein Geld am Automaten. Der Warennachschub wird schlagartig gestoppt, weil der Lieferant kein Geld bekommt. Auch der Sozialstaat bricht von heute auf morgen zusammen, er muss seine Leistungen extrem zurückfahren. Was passiert dann? Hankels düsteres Bild: Jeder Wutstau entlädt sich irgendwann. Und dann stehen sich Linke und Rechte, Arme und Reiche, Inländer und Ausländer, religiöse und nicht religiöse Gruppen gegenüber. Im Wohlfahrtsstaat ließ sich die Wut mit finanziellen Zuwendungen abmildern.

  • Wie bereitet sich die Schweiz auf einen Euro-Crash vor?

Die Angst vor Unruhen scheint alles andere als abwegig. EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso warnte etwa in einer Rede im Juni 2010 vor Gewerkschaftsvertretern im Zusammenhang mit der Euro-Krise vor Bürgerkriegen und dem Ende der Demokratien in mehreren EU-Ländern. Zeitgleich wurde auch der Schweizer Nationalrat von der Armeeführung über mögliche Unruhen informiert. „Auch in Europa können Situationen entstehen, die wir uns heute gar nicht vorstellen können“, sagte der Armee-Chef André Blattmann. Die eigene Armee müsse sich auf Kampfeinsätze vorbereiten, da nach einem Euro-Crash gewaltige Flüchtlingsströme innerhalb Europas zu befürchten sind. Im Übrigen entwarf nicht nur die Schweiz Notfallpläne. Auch die Militärs in Großbritannien und den USA sind ganz offiziell vorbereitet. Um ihre Landsleute im Fall der Fälle aus EU-Ländern evakuieren zu können.

  • Gibt es eine Europäische Eingreiftruppe für Unruhen?

Die gibt es tatsächlich. Die Europäische Gendarmerietruppe mit dem Kürzel EUROGENDFOR ist eine bis zu 3000 Mann starke militärische Polizeigruppe mit Sitz im italienischen Vincenza. Die Soldaten können unter EU-Mandat bei Konflikten in europäischen Krisengebieten eingesetzt werden – dabei das Militär oder die Polizei vor Ort unterstützen. Oder ersetzen. Sie sollen innerhalb der EU die Bevölkerung schützen und bei Unruhen die öffentliche Ordnung aufrechterhalten.

  • Stimmt es wirklich, dass in einem Amtsblatt der EU die Todesstrafe wieder eingeführt wird?

So unfassbar es klingt, aber im Vertrag von Lissabon, dem auch der Deutsche Bundestag 2008 zustimmte, wird die Todesstrafe in der EU zwar abgeschafft, aber es gibt Ausnahmen: „(2) Eine Tötung wird nicht als Verletzung dieses Artikels betrachtet, wenn sie durch eine Gewaltanwendung verursacht wird, die unbedingt erforderlich ist, um (…) c) einen Aufruhr oder Aufstand rechtmäßig niederzuschlagen.“ Da birgt eine innereuropäische Militärtruppe ein völlig neues Angstpotenzial.

  • Was erwarten Polizei und Geheimdienste?

Immer mehr Experten warnen vor schwersten Unruhen mitten in Europa. Die Straßenschlachten in Athen, brennende Gebäude in London, die angezündeten Autos in Berlinund Hamburgseien ein klares Anzeichen dafür, wie unzufrieden die Menschen in Europa sind. „Natürlich erwartet die Bundesregierung hier schwere soziale Unruhen. Man weiß, was sich da zusammenbraut, aber man verdrängt das in der Öffentlichkeit lieber“, sagt Rainer Wendt, Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft. Auch der US-Geheimdienst CIA kommt in einer Studie zu dem Schluss: Millionen werden im Zuge der Krise arbeitslos und verarmen. Das birgt das Risiko schwerer sozialer Unruhen und sogar eines Bürgerkriegs.

  • Gewährt die Bundesbank Griechenland nahezu unbegrenzt Kredit?

Sie hat keine andere Wahl. Obwohl die Bundesbank gegen den Aufkauf von Staatsanleihen der Krisenländer und gegen immer neue Finanzspritzen ist. Denn neben dem EZB-Geld bekommen Griechenland & Co. auch noch Kredit von der Deutschen Bundesbank: die so genannten Target2-Kredite. Sie fallen an, wenn etwa in Griechenland ein deutsches Produkt gekauft wird. Ein Überziehungskredit wie der Dispo auf dem Girokonto. Mit dem Unterschied, dass kein Bankberater kommt und sagt: Jetzt ist Schluss. Die Bundesbank darf diese Kredite nicht verweigern und auf Rückzahlung pochen. Das steht im Vertrag zur Währungsunion. Bis 2007 waren die Target2-Kredite auch kein Thema – es wurden nur rund 30 Milliarden Euro ausgeschöpft. Auf Grund der Ungleichgewichte innerhalb Europas schoss die Kreditsumme bis Januar 2012 aber auf fast 500 Milliarden Euro.

  • Explodiert die Geldmenge in Deutschland?

Der Wirtschaftswissenschaftler und Mathematiker Bernd-Thomas Ramb hat dazu eine Grafik erstellt: Die Entwicklung des BIP und der Geldmenge in Deutschland seit dem Jahr 2000. Bis 2010 stieg die Wirtschaftsleistung hierzulande um insgesamt knapp zehn Prozent. Das Geld, das die Zentralbank in den Wirtschaftskreislauf pumpte, stieg dagegen um mehr als 80 Prozent.

  • Wir haben zu viel Geld und zu viele Schulden. Was ist die Gefahr?

Die Lücke zwischen Geld und Gütern ist das Inflationspotenzial. Europaweit sieht die Bilanz noch düsterer aus: Die Geldmenge stieg um 160 Prozent, der Wert der produzierten Waren und Dienstleistungen nur um rund elf Prozent. Das endet für den Wissenschaftler zwangsläufig in der Hyperinflation oder im Währungsschnitt. Da sich kein Land Preissteigerungsraten von zehn Prozent und mehr pro Jahr leisten kann, bleibt am Ende wohl nur der Währungsschnitt.

  • Wie könnte ein Währungsschnitt aussehen?

Vereinfacht gesagt, gibt es ein neues Gesetz, in dem steht, dass in allen privaten Verträgen das Wort Euro durch Neue Mark ersetzt wird. Wie im Jahr 1948. Für den Währungsschnitt müsste noch ein zweiter Absatz hinzugefügt werden. Etwa: Alle Geldvermögen werden beschnitten. Beispielsweise erhält jeder, der 100 000 Euro auf dem Sparbuch hat, 10 000 Neue Mark. Um die Staatsschulden zu beschneiden, kann der Staat Schatzbriefe oder Schuldverschreibungen in gleichem Verhältnis umschreiben: Aus 1000 Euro Nominalwert werden dann 100 Neue Mark.

  • Welches Ziel verfolgt der Staat bei einem Währungsschnitt?

Er will einen möglichst großen Teil der Euro-Geldmenge loswerden. Schließlich steht sie in krassem Unverhältnis zum Wert der Waren und Dienstleistungen. Das geht nur mit dem Währungsschnitt. Würden einfach alle staatlichen Verträge und Geldguthaben in Neue Mark umgeschrieben werden, wäre nichts gewonnen. Da sich so weder Schulden noch Geldmenge reduzieren würden.

  • Was passiert bei einem Währungsschnitt mit Geldvermögen?

Staatspapiere und Bargeldvermögen verlieren an Wert. Schließlich wird der Wechselkursfestgeschrieben. Selbst wenn Deutschland eine Parallelwährung einführen würde, wäre eine massive Abwertung des Euro zu erwarten.

  • Was sind Sachanlagen und was die Vor- und Nachteile?

Gold, Immobilien und Aktien sind die klassischen Sachwerte. Selbst Devisen wie Schweizer Franken sind Sachanlagen, wenn auch mit Kursrisiken behaftet. Vorteil von Gold oder Edelsteinen: Sie können bei einer Flucht ins Ausland mitgenommen werden. Außerdem kann der Staat zum Abbau seiner Schulden eine Sondersteuer auf Immobilien erheben. Bei der Währungsreform 1948 wurden sie mit einer Zwangshypothek belegt, die ihre Besitzer über Jahre hinweg abbezahlen mussten. Aktien bergen im Fall eines Währungsschnitts zumindest kurzfristig enorme Kursrisiken, wie eine aktuelle Studie von Goldman Sachs zeigt. So verlor der Aktienmarkt während der Argentinien-Krise in lokaler Währung 48 Prozent an Wert. In Dollar waren es 86 Prozent. Der Kursrutsch dauerte insgesamt 28 Monate. In den zwölf Monaten danach stiegen die Kurse um 130 Prozent. Ramb rät daher: Wenn Aktien, dann von sehr soliden Konzernen mit hohem Bestand an Produktionskapital wie Maschinen und Gebäude.

  • Wie viel Zeit bleibt noch?

Jetzt auf keinen Fall das ganze Geld vom Konto abheben und blind die erstbeste Immobilie kaufen, rät Ramb. Der Mathematiker entwarf eine Wahrscheinlichkeitskurve für eine Währungsreform. Sie basiert auf der demografischen Entwicklung Deutschlands. Denn der Druck auf die nachfolgenden Generationen, die Schulden loszuwerden, wächst. Im Jahr 2031 erreicht Rambs Kurve 100 Prozent. Bis dahin wird der Euro aus seiner Sicht auf jeden Fall abgelöst. 2017 erreicht die Kurve 50 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit, dass im Folgejahr die Währungsreform kommt, ist dann größer als die, dass sie nicht kommt.

  • Gibt es Notfallpläne für den Zusammenbruch des Euro?

Deutsche Konzerne bereiten sich längst vor. Metro verkündete jüngst, dass der Plan fertig in der Schublade liegt. Banken, Versicherer und Unternehmen wie TUI ergänzen Verträge um einen Nach-Euro-Passus. Etwa, dass das Geschäft „in Euro oder in der zum Zeitpunkt der Transaktion in Deutschland gültigen Währung“ erfolgt. Als Gerichtsstand wird explizit Deutschland festgeschrieben. Siemens holte sich 2011 eine Banklizenz, um das Geld bei der EZB anlegen zu können. Auch EADS denkt darüber nach.