Die Redefreiheit im Internet weicht einem Sprach- und Meinungsdiktat, das durch Vertreter der Hauptmedien angeführt wird.

von Rubikons Weltredaktion

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In den vergangenen Jahren greift ein neuartiger und schnell wachsender journalistischer „Beat“ (1) um sich, der sich am besten als eine unselige Mischung aus dem Tratsch der Fluraufsicht einer Mittelschule und der Bürgerüberwachung im Stasi-Stil beschreiben lässt. Der ist ein bisschen halbstark und etwas böswillig. Seine Hauptziele sind Kontrolle, Zensur und Zerstörung der Reputation anderer aus Spaß an der Macht. Zwar liegt das Epizentrum bei den großen Medienplattformen, doch handelt es sich um das genaue Gegenteil von Journalismus.

Über eine besonders toxische Spielart dieser „Berichterstattung“ habe ich bereits geschrieben. Journalistenteams der drei einflussreichsten Medienunternehmen — „Media Reporter” von CNN mit Brian Stelter und Oliver Darcy, „Disinformation Space Unit” der NBC mit Ben Collins und Brandy Zadrozny und die Tech-Reporter der New York Times (NYT) Mike Isaac, Kevin Roose und Sheera Frenkel — widmen den Großteil ihres „Journalismus“ der Suche nach Stellen im Internet, in denen ihrer Meinung nach Sprach- und Benimmregeln verletzt werden, markieren diese und plädieren dann für Strafmaßnahmen wie Banning, Zensur, Inhaltsregulierung oder „Nachsitzen“. Diese „Fluraufsicht“-Reporter sind einer der Hauptgründe dafür, dass Tech-Giganten, die eigentlich nie Zensur — im eigenen oder ideologisch motivierten Interesse — ausüben wollten, dies nun mit Hingabe und unverblümt launenhafter Willkür praktizieren: Denn wenn sie es nicht tun, würden sie von den reichweitenstärksten Medien der Welt an den Pranger gestellt.

Genauso wie die NSA davon besessen ist, sicherzustellen, dass nirgendwo auf der Welt Menschen frei von ihren spionierenden Augen und Ohren kommunizieren können, ertragen diese journalistischen Flurwächter die Vorstellung nicht, dass es irgendwo im Internet einen Ort gibt, an dem sich Menschen auf eine Art und Weise frei äußern, die sie nicht gutheißen. Wie zwielichtige Informanten eines staatlichen Geheimdienstes verbringen sie ihre Tage mit dem Trollen in den Tiefen von Chatrooms und 4Chan-Bulletin-Boards und Subreddit-Threads und privaten KommunikationsApps, um jeden aufzuspüren — einflussreich oder obskur — der etwas sagt, das ihrer Meinung nach verboten werden sollte, um dann ihre Konzernmegafone — die sie nicht selbst hergestellt haben und auch nicht herstellen könnten — dazu einzusetzen, jeden zum Schweigen zu bringen oder zu vernichten, der den Orthodoxien ihrer Konzernmanager widerspricht oder ihre Informationshegemonie infrage stellt.

Oliver Darcy hat seine Karriere bei CNN gemacht, indem er mit Brian Stelter zusammensaß und verbissen jeden verpfiff, der in den Sozialen Medien irgendwelche Regeln brach, und von den Plattformadministratoren verlangte, diese Regelbrecher zu löschen. Die kleine Crew petzender Millennials (2), die NBCzusammengestellt hat — und die ihre schwachsinnige Tätigkeit selbstverherrlichend als „Arbeit im Desinformationsraum“ bezeichnen, so unerschrocken und gefährlich wie der Kampf gegen Korruption repressiver Regime oder die Kriegsberichterstattung aus Kriegsgebieten —, verbringt ihre trostlosen Tage damit, durch 4Chan-Boards zu scrollen, um anstößige Memes oder ungebührlichen Sprachgebrauch pubertärer Jugendlicher zu markieren. Dann klopfen sie sich auf die Schulter, weil sie gefährliche Mächte bekämpft haben, selbst wenn es nichts Trivaleres und Schikanöseres ist als das Entlarven der persönlichen Daten machtloser, unbedeutender Bürger.

Aber die Schlimmsten in diesem Triumvirat sind die NYT-Tech-Reporter, allein wegen ihres Einflusses und und ihrer Reichweite. Als sich die Silicon-Valley-Giganten auf öffentlichen Druck von Alexandra Ocasio-Cortez (AOC) und anderen Kongressabgeordneten zusammentaten, um Parler (3) aus dem Internet zu löschen, zog das Tech-Team der NYT schnell Überwachungsbrillen und Stasi-Notizblöcke hervor, um zu warnen, dass die Bösewichte nun zu Signal und Telegram abgewandert seien. Diese Woche fragten sie: „Werden die privaten Messengerdienste zu den nächsten Zentren der Desinformation?“ Einer der Reporter „gestand“: „dass ich mir Sorgen über Telegram mache. Abgesehen vom privaten Kurznachrichtendienst nutzen die Leute Telegramgerne für Gruppenchats — bis zu 200.000 Leute finden in einem Chatraum Platz. Das erscheint mir problematisch.“ 

Diese Beispiele, wie Journalismus missbraucht wird, um Zensur von Räumen zu fordern, über die sie noch keine Kontrolle haben, sind zu zahlreich, um sie umfassend aufzuzählen. Und sie beschränken sich nicht auf die drei genannten Medien. Die Meinung, dass eine viel konsequentere Zensur notwendig sei, ist inzwischen praktisch Konsens in den Mainstreammedien: Das ist eine ihrer Triebfedern. Diejenigen von uns, die im Journalismus tätig sind, müssen sich damit abfinden, dass das geheiligte Prinzip der freien Meinungsäußerung als Waffe gegen die Prinzipien des Journalismus missbraucht wird“, beschwerte sich der Experte des „Ultimate Establishment Journalism“ Steve Coll, Dekan der journalistischen Fakultät an der New Yorker Columbia Universität und freier Mitarbeiter des New Yorker.

Kyle Chayka, ein Mitarbeiter von The New Yorker und Vox, der einen großen journalistischen Listenserver mit dem passenden Namen „Study Hall“ betreibt, hat schon damit begonnen, Substack dafür an den Pranger zu stellen, dass es Autoren eine Plattform gibt, die er für nicht akzeptabel hält, wie Jesse Singal, Andrew Sullivan, Bari Weiss. Ein kürzlich im Guardian erschienener Artikel warnte davor, dass Podcasts einer der verbliebenen Bereiche seien, die noch nicht ausreichend kontrolliert wird. 

ProPublica äußerte sich vorigen Sonntag in gleicher Weise über Apple, und eine ihrer Reporterinnen forderte vergangenen Monat auf MSNBC, dass Apple seine Podcast-Inhalte genauso aggressiv zensiert wie Google bereits bei YouTube die Video-Inhalte.

So haben wir eine unvorstellbar verzerrte Dynamik, in der die US-Journalisten nicht Verteidiger der freien Meinungsäußerungen sind, sondern die führenden Kreuzritter, die sie zerstören.

Ihnen geht es dabei einerseits um Macht: sicherzustellen, dass niemand außer ihnen den Informationsfluss kontrolliert. Andererseits tun sie es aus Idealismus und Selbstüberschätzung: dem Glauben, ihre Weltanschauung sei so unbestreitbar richtig, dass jede abweichende Meinung von Natur aus gefährliche „Desinformation“ ist. Und sie tun es auch aus kleinlicher Rachsucht: Sie werden erst richtig wach und finden eine sonst nicht vorhandene Sinnerfüllung, indem sie den Ruf und das Leben eines Menschen zerstören, auch von denjenigen, die gar keine Macht haben. Was immer das Motiv sein mag: Medienmitarbeiter, deren Berufsbezeichnungs „Journalist“ ist, sind die vordersten Aktivisten gegen ein freies offenes Internet, und gegen die Gedanken- und Meinungsfreiheit.

Taylor Lorenz im Clubhouse

Die pathologischen Triebkräfte hinter all dem wurden am vorigen Samstagabend infolge einer rücksichtslosen und selbsterniedrigenden Lügenkampagne seitens einer der Star-Tech-Reporterinnen der NYT, Taylor Lorenz, deutlich sichtbar. Sie bezichtigte fälschlicherweise und sehr öffentlich den Silicon-Valley-Unternehmer und Investor Marc Andreessen, während einer Diskussion über den Reddit-GameStop-Aufstand (4) den verächtlichen Ausdruck „retarded“ (zurückgeblieben) verwendet zu haben. 

Lorenz hat gelogen. Andreessen hat dieses Wort nie benutzt. Anstatt sich zu entschuldigen und die Behauptung zurückzunehmen, rechtfertigte sie ihren Fehler, indem sie behauptete, es sei eine Männerstimme gewesen, die wie seine geklungen habe. Danach sperrte sie ihren Twitter-Account, als ob sie selbst das Opfer war und nicht die fälschlich verleumdete Person.

Aber die Details des Geschehens sind aufschlussreich. Die Debatte, über die Lorenz falsch berichtet hatte, fand auf einer relativ neuen Audio-App namens Clubhouse statt — einer Plattform, die nur auf Einladung zugänglich ist und die für private, offene Gruppengespräche gedacht ist. Unter Führungskräften aus dem Silicon Valley und Vertretern der Medienwelt ist sie populär geworden. Auch ich wurde vor ein paar Monaten zur App eingeladen, habe aber nicht teilgenommen oder mitdiskutiert. 

Aber wie CNBC diese Woche berichtete: „Die App ist schnell gewachsen, Menschen mit sehr unterschiedlichem Hintergrund sind Mitglieder geworden“ und sie „hat eine eigene Nische unter schwarzen Anwendern geschaffen, die neue Wege für die Nutzung gefunden haben“. Ihr Ethos als Bastion der freien Meinungsäußerung hat sie auch in China immer populärer gemacht, als Mittel zur Umgehung repressiver Online-Restriktionen.

Diese privaten Chats werden oft von Journalisten infiltriert, manchmal auf Einladung und manchmal durch Täuschung. Diese versuchen, die Diskussionen mitzuschneiden und dann Zusammenfassungen zu veröffentlichen. Oft besteht diese „Berichterstattung“ aus dem Kontext gerissenen Sätzen, die die Teilnehmer als engstirniggefühllos oder anderweitig ungebührlicherscheinen lassen sollen. Mit anderen Worten: Diese Journalisten, die verzweifelt nach Inhalten suchen, haben Clubhouse zum neuen Spielfeld für ihre schleimige Tätigkeit als freiwillige Fluraufseher und Sprachpolizei erkoren.

Im Zuge dieser unwürdigen Tätigkeit verkündete Lorenz also auf Twitter, Andreessen habe ein schlimmes Wort benutzt. Während der Diskussion um die „Reddit-Revolution“ soll er „retarded“ gesagt haben. Sie erweiterte dieses Denunziationsspiel, indem sie außerdem die Namen und Fotos aller Teilnehmer postete, die damals im Raum waren— und so diejenigen bloßstellte, die sich des Verbrechens schuldig gemacht hatten, Andreessen nicht widersprochen zu haben:

Lesen Sie den ganzen Bericht hier:


https://www.rubikon.news/artikel/die-herrschaft-der-fluraufseher